Workshop Regie

Seit einigen Jahren gibt es am UniTheater Karlsruhe ein wunderbares Format namens Long Story Short, bei dem neue und erfahrene Leute sich am Schreiben, Spielen und Inszenieren von Szenen ausprobieren dürfen. In diesem Jahr wurde ich gefragt, ob ich einen Workshop für angehende Regisseur*innen geben möchte, und natürlich habe ich Ja gesagt. Zusammen mit Lena haben wir unsere knapp zwei Jahrzehnte Erfahrung zusammengeworfen, um unser Wissen zu strukturieren. Rausgekommen ist ein Mix aus Übungen, Techniken, Ideen und Hinweisen, die speziell auf das Inszenieren von Szenen angepasst sind (für die Konzeption von Szenen in einem Stückkontext solltest du die Fragen und Hinweise entsprechend anpassen). Die Arbeitsblätter als Übersicht gibt es hier zum download Und ja, man kann uns auch buchen!

Hinweise und Übungen für Physical Theatre gibt es in einem separaten Blogpost.

Vor der ersten Probe - Regiekonzept

Als Regie sollte ich mir vor der ersten Probe Gedanken machen, die sich auf meine persönliche Motivation und Ziele beziehen. Eine Methodik dazu kann Brainwriting sein.

Brainwriting Motivation

Schreibe alle Gedanken und Impulse zu den folgenden Fragen auf, die dir jetzt gerade kommen. Zensiere dich nicht und höre nicht auf zu schreiben. Bleib bei dir und fokussiere dich auf deine Gedanken.

  1. … wünsche ich mir am meisten
  2. Warum will ich das [hier Titel der Szene/Stück einfügen] machen?
  3. Was soll beim Publikum ankommen?

Weitere relevante Leitfragen könnten sein:

Interesse: Was interessiert / verwirrt / stört mich an dem Stoff?
Emotion: Welches Bild/Gefühl kommt bei mir sofort?
Ziel: Was ist die Take-Home-Message (Moral) fürs Publikum?

Das Ziel besteht darin, deine ersten intuitiven und individuellen Gedanken ohne Anspruch auf Vollständigkeit festzuhalten, bevor Selbstzensur oder Gruppendenken einsetzen. Deine Motivation kann entweder aus deinem persönlichen Interesse kommen und du suchst (oder schreibst) einen passenden Text, oder du hast einen Text, der dich begeistert, und findest anhand dessen heraus, was genau dein Interesse ist.

Vor einer Szenenprobe - Szenenkonzept

Textanalyse

Um das Konzept für eine Szene zu entwickeln, sollten deine persönliche Motivation und der vorhandene Text zusammenfinden. Dazu analysierst du zunächst den Text.

Textanalyse

Lösche alle Regieanweisungen, beantworte und interpretiere die folgenden Fragen anhand des Textes. Sei dabei frei, es gibt kein richtig oder falsch.

  • Orte: Wo spielt die Szene?
  • Personen, Beziehungen, Motive: Wer ist mit wem wie verbunden und verfolgt welches Ziel?
  • Atmosphäre: Welche Stimmung herrscht vor?
  • Ästhetik: Wie sollen die Szenen aussehen - abstrakt oder realistisch/naturalistisch?
  • Text: Wie ist der Text gebaut? Gibt es einen Höhepunkt oder Rhythmus?
  • Subtext: Was wird nicht (mit Sprache) gesagt, aber ausgedrückt?

Alternativ:

  • Moodboard: Beantworte die obigen Fragen, indem du Bilder und andere Medien zusammenstellst (à la “Pinterest”).
  • Körperliche Standbilder: Stellt Emotion, Aufstellung und Atmosphäre aus dem Text nach, tauscht euch aus und erarbeitet im Kollektiv Ideen und Impulse.

BIG IDEA

Die BIG IDEA (nach Nancy Duarte) ist der eine Satz, der den Kern eines Konzepts auf den Punkt bringt. Sie ist nicht eine Zusammenfassung, sondern eine Behauptung oder das Thema/die Aussage, die ich vermitteln will. Sie hat drei Eigenschaften:

  1. Sie ist dein einzigartiger Standpunkt,
  2. sie vermittelt, was auf dem Spiel steht, und
  3. sie ist ein vollständiger Satz.

BIG IDEA

  1. Schreibe in einem Satz auf, was du mit deiner Inszenierung verändern oder sichtbar machen willst – nicht was passiert, sondern was das bedeutet.

    „Mein Konzept zeigt, dass …, obwohl die meisten glauben, dass …”

  2. Prüfe deinen Satz mit drei Fragen: Ist er konkret genug, dass er nicht für jede Geschichte gelten könnte? Steckt ein Widerspruch oder eine Spannung darin? Steht etwas auf dem Spiel?

    Wenn alle drei mit Ja – das ist deine Big Idea.

  3. Kürze auf das Wesentliche. Die Big Idea muss als Satz stehen können – ohne Kontext, ohne Erklärung.

    Teste: Könnte jemand ohne Kenntnis deines Texts sofort verstehen, was dein Ziel ist?

Kurz: Die BIG IDEA ist dein Wegweiser – sie beantwortet in einem Satz, warum diese Szene so und nicht anders erzählt wird.

Beispiele für Big Ideas mit jeweils einer Idee für ein mögliches Stück:

  • Wer zusieht, ist mitschuldig. (Macbeth - William Shakespeare)
  • Es gibt keinen Grund/Sinn. (Warten auf Godot - Samuel Beckett)
  • Beleidigungen sind Kunst. (Publikumsbeschimpfung - Peter Handke)
  • Jeder büßt für sich alleine. (Nora - Henrik Ibsen)
  • Die Hölle sind die anderen. (Glückliche Zeiten - Alan Ayckbourn)

Kill your Darling

Mit der Big Idea und dem Text gehst du in die erste Streichphase. Dabei prüfst du jeden Moment, jede Zeile, jede Idee anhand deiner Big Idea: „Um meine Big Idea auszusagen – braucht es das (Szene, Zeile, Moment, Idee) hier wirklich?”

Wenn die Antwort Nein ist: streichen. Häufig haben wir viele tolle Ideen, doch wenn wir alles hinzufügen, verwässern wir die Klarheit und es entstehen Längen, auch wenn du die Idee liebst. Alles, was nicht auf deine Big Idea einzahlt, macht sie schwächer. Ein starkes Konzept entsteht nicht durch Hinzufügen, sondern durch konsequentes Weglassen. Das ist der Kern von Kill your Darling.

Wie will ich proben?

Natürlich bist du als Regie nicht komplett losgelöst von der Welt außerhalb. Es gilt jetzt, von deinen individuellen Gedanken im stillen, einsamen Kämmerchen nach außen zu blicken. Zusammen mit allen Beteiligten, deinen Gewerken und Spielenden, solltest du dir Klarheit über gewisse Themen verschaffen.

Wie probe ich?

Brauche ich Hilfe?

  • Wo bin ich mir selbst unsicher?
  • Wofür sollte ich unbedingt Hilfe holen (Bühnenkampf, Intimitätskoordination, akrobatische Figuren, Pyrotechnik,…)?
  • Welche Fortbildung/Workshop würde mir helfen? Von wem kann ich oder wir als Gruppe uns Wissen holen?

Räumliche/Zeitliche Begebenheiten

  • Wann & wie proben wir? Wie häufig? Will ich eher über einen kurzen Zeitraum und häufiger oder über einen längeren Zeitraum und dafür weniger häufig?
  • Wann bereite ich vor & nach?
  • Brauche ich besondere räumliche Begebenheiten (Closed Set, Matten)?

Darstellende

  • Wie arbeiten wir am besten zusammen?
  • Brauche ich Teambuilding?
  • Wie und wo muss ich Spielende entwickeln und was müssen sie schon mitbringen?
  • Wie wollen wir konkret zusammenarbeiten? Welche Regeln geben wir uns?
  • Wie kann ich meine Wünsche vermitteln? Welche Art von Feedbackkultur leben wir?

Warm-Up, Cool-Down

  • Wie starten/beenden wir die Proben? Welche festen Rituale wollen wir gemeinsam etablieren?
  • Was brauchen die Darstellenden, um spielen zu können? Entspannung oder Action, Stimme, Körper?
  • Brauchen wir Methoden, um die gespielte Szene/Rolle hinter uns zu lassen (De-roling)?

Regiestile

Möglicherweise ist es für dich interessant, dich von den verschiedenen Regiestilen inspirieren zu lassen. Hier eine Liste - ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Wie immer sind die Stile eher als Bandbreite denn als festes Regelwerk zu verstehen und können koexistieren.

Autokratisch Die Regie hat eine fertige Vision und setzt sie um. Schauspieler sind Ausführende mit wenig Raum für Eigeninitiative. Meist für streng konzeptionelle Arbeiten oder enge Zeitpläne. Vertreter: Peter Stein, Christoph Marthaler

Demokratisch / kollektiv Entscheidungen werden gemeinsam im Ensemble getroffen. Regie als Moderation. Vertreter: Die frühe Schaubühne Berlin (ab 1970)

Devising Kein fertiger Text am Anfang. Das Stück entsteht im Probenprozess selbst – aus Improvisationen, Recherche, persönlichem Material. Vertreter: Complicité, Frantic Assembly, She She Pop.

Textbasiert / dramaturgisch Die Regie arbeitet eng am Text, Interpretation steht im Zentrum. Vertreter: Frank Castorf, Thomas Ostermeier

Physisch / bewegungsbasiert Der Körper kommt vor dem Text. Szenen entstehen primär aus Bewegung, nicht aus Textanalyse. Vertreter: Sasha Waltz, Johann Kresnik

Improvisationsbasiert Die Regie gibt Rahmen und Spielaufgaben, lässt improvisieren, wählt aus. Vertreter: Christoph Schlingensief

Recherche- und dokumentarbasiert Das Material kommt von außen aus dem realen Leben: Interviews, Dokumente, Feldforschung. Die Regie formt daraus eine Bühnenform. Häufig auch politisches Theater. Vertreter: Rimini Protokoll.

Regisseur als Autor Die Regie schreibt das Stück im eigentlichen Sinne. Vertreter: René Pollesch, She She Pop

Während einer Probe

Textlernen

Wir glauben, dass Proben mit Textbuch nicht möglich sind, deshalb ist es im Amateurtheater auch Aufgabe der Regie, dass Spielende möglichst schnell ihren Text draufhaben. Damit wir wirklich experimentieren können, dürfen deine Spielenden nicht mehr über den Text nachdenken, sondern ihn wie im Schlaf beherrschen.

Du kannst dazu die Übungen zum Textlernen nutzen. Hier wiederholen die Spielpartner mit verschiedenen Aufträgen den Text immer wieder ohne Emotion oder Deutung.

„Funktioniert’s?” – Die Regie-Arbeitsweise

Regie ist eine eigenartige Tätigkeit: Du weißt oft selbst nicht genau, was du willst, sondern du weißt nur, wenn etwas noch nicht stimmt.

Deshalb können wir als Regie selten mit direkten Anweisungen arbeiten. Wer sagt „Spiel das trauriger” bekommt meist eine unauthentische Illustration und keine lebendige, echte Szene. Stattdessen müssen wir abstrahieren: Wir geben Aufgaben, Bilder oder Metaphern. Wir stellen mit (auch indirekten, abstrakten) Methoden eine Situation her, in der Leute agieren und reagieren können.

Die zentrale Frage dahinter lautet für mich immer: Funktioniert’s?

Nicht: Ist es schön? Nicht: Gefällt es mir? Sondern: Tut diese Szene, was sie tun soll, sowohl im Sinne der Big Idea als auch im Sinne meines Konzepts?

Diese Frage ist ein Werkzeug, um sich nicht in Details oder persönlichem Geschmack zu verlieren oder Entscheidungen aus Gewohnheit zu treffen. Sie bringt dich immer zurück zum Konzept. Wenn du offen und interessiert auch deine Spielenden fragst: „Funktioniert’s?”, dann entsteht Raum für Ideen und Wahrnehmungen von allen. Dann bist du nicht allein damit, alles on the spot zu erfinden oder zu wissen, sondern nutzt das kollektive Hirn. Im nächsten Abschnitt schauen wir uns konkrete Methoden an. Der Hintergedanke ist immer ein ehrliches und offenes Interesse am Ergebnis, auch wenn der Weg vielleicht nicht direkt klar ist. Wir wollen eben nicht das Ergebnis vordenken, sondern schrittweise ein Ergebnis erspielen.

Hinweis zu Aufgaben

Alle Aufgaben im Folgenden können offen (alle wissen Bescheid) oder geheimen (nur ein Teil der Personen weiß es) gestellt werden.

Genres/Emotion/Sprachstil

Ein Text sagt „Charakter sagt das wütend”, also spielen wir Wut. Das Ergebnis aber fühlt sich oft falsch und unehrlich an und ist selten überraschend. Indem wir Genres, Emotionen und Sprachstile bewusst oder noch besser konträr zum Text einsetzen, können wir mit diesen Gewohnheiten brechen. Sie zwingen uns dazu, uns neu an einer fremden Form zu orientieren. Plötzlich werden die Ziele, Beziehungen und Figuren klarer. Das ist der eigentliche Grund für diese Übung: Wir wollen Klarheit über das, was deine Szene wirklich braucht.

Genres/Emotion/Sprachstil

Spielt das Mini-Drama oder eine Mini-Szene mehrfach durch, startet mit jeweils nur einem Genre oder einer Emotion oder einem Sprachstil für alle. Spielt die Durchläufe danach in frei gewählten Kombinationen durch. Jede*r von euch wählt dafür eine Kategorie, z.B. Spielerin 1 Freude, Spielerin 2 Kindersendung, Spielerin 3 Actionthriller.

Genre Emotion Sprachstil
Horrorfilm Freude Tagesschau
Romanze Ekel Flüstern/Gemurmel
Actionthriller Trauer Kindersendung

→ Emotion, Genre und Sprachstil müssen nicht übereinstimmen, das ist Absicht.
→ Kein Nachdenken, einfach losspielen. ~60 Sek. pro Durchgang

Hinweis: Nicht Emotion spielen, sondern Ziel verfolgen.

Reflexionsfragen:

  1. Was hat überraschend funktioniert? Welcher Widerspruch hat plötzlich Sinn ergeben - und warum?
  2. Wann kam das Ziel der Figur klarer raus?
  3. Was könnt ihr bewusst einsetzen?

Genre-Achterbahn

  • Spielt die Szene so schnell wie möglich in verschiedenen Genres durch.
  • Eine Person gibt jeweils das nächste Genre vor.
  • Reflektiert anschließend: Was macht einen Unterschied?

Körperlicher Auftrag

Ein körperlicher Auftrag gibt der Figur etwas zu tun, nicht um die Szene “sinnlos” zu füllen, sondern um sie zu erden. Wer etwas macht ist im Moment. Der Körper ist beschäftigt, der Kopf kommt aus dem Denken raus, und der Text bekommt Raum.

Das funktioniert genauso im Hintergrundspiel: Eine Figur mit einem klaren Auftrag braucht keine Regieanweisung für jeden Moment.

Tätigkeit – eine konkrete Handlung, die beharrlich verfolgt wird. Puzzle zusammensetzen, eine Vase reparieren, essen. Der Schlüssel: immer weitermachen, auch wenn die Szene das eigentlich nicht verlangt.

Bedingung – eine Regel, die das Verhalten mit anderen steuert. Jemanden nur ansehen, wenn sie sprechen. Immer laufen, wenn man alleine ist. Den anderen berühren, aber nur bei jedem zweiten Satz. Zug um Zug. Diese Aufgaben strukturieren die Beziehung, ohne sie zu erklären. Derartige Aufgaben sollten absolut sein und dazu Formulierungen wie immer, nur, wenn, ausschließlich enthalten.

Blickkontakt und Körperachse – wo zeigt mein Körper hin? Nie Blickkontakt zu treffen verändert eine Szene komplett, ohne dass die Sprache sich ändert. Die Füße zeigen, wohin der Körper eigentlich will – auch wenn die Figur etwas anderes sagt.

Aufgaben können offen oder geheim sein. Offen heißt: alle wissen es, und die Szene arbeitet gemeinsam damit. Geheim heißt: nur eine Person weiß es, und alle anderen reagieren auf etwas, dessen Ursache sie nicht kennen. Das ist besonders interessant bei inversen Aufgaben: Eine Spielerin hat den Auftrag, umarmt zu werden, aber niemand sonst weiß davon. Sie kann das Ziel nicht direkt verfolgen, nur indirekt ermöglichen. Dadurch entsteht eine natürliche Dringlichkeit.

Körperlicher Auftrag

Spielt 4 Durchgänge. In jedem Durchgang gibt es einen neuen körperlichen Auftrag für alle Spielenden:

  1. Kein Körperteil unterhalb der Schultern bewegt sich.
  2. Ihr dürft euch nie direkt ansehen.
  3. Jede Bewegung braucht doppelt so lange wie normal.
  4. Eine Person puzzelt, die andere darf nie stehen.

→ Text weiterspielen wie gewohnt: der Körper gehorcht dem Auftrag, nicht der Emotion.
→ Nicht „schön“ machen. Einfach durchhalten.

Hinweis: Einschränkung zwingt zur Präzision, und das erzählt etwas.

Reflexionsfragen:

  1. Wann wurde das Gespielte plötzlich interessanter – durch Einschränkung oder Freiheit?
  2. Welcher Auftrag hat Beziehungen sichtbar gemacht, die vorher unsichtbar waren?
  3. Was hat der Körper erzählt, was der Text nicht sagt?
  4. Was nehmt ihr mit als Werkzeug?

Absurde Metapher

Hier wird eine Regieanweisung in Form einer Metapher gegeben, die nicht zur Szene passt. In Abgrenzung zu den anderen Kategorien wird hier keine konkrete Anweisung (z.B. körperlich) gegeben, sondern es ist vielmehr ein Spiel mit dem Als-ob. Dies kann helfen, auf die Grundemotionen oder -ziele hinzuarbeiten. Wenn zwei Leute sich anziehend finden sollen, kann die Anweisung “Sieh in deinem Partner das leckerste Essen der Welt, nachdem du drei Tage nichts gegessen hast” diese Anziehung sichtbar machen, ohne den Spieler*innen die Emotion/Aufgabe direkt geben zu müssen.

Wir laden hier ein, iterativ zu experimentieren: Bei jeder Metapher lernst du dazu, was die Szene und Spieler*innen brauchen. Insbesondere bei der absurden Metapher kannst du kaum Fehler machen, da der Kern Abstraktion oder Absurdität ist.

Viewpoints of Space - Aspekte des Raums

Wir können uns dem Raum systematisch über die Viewpoints Bogart et al. (2025) annähern. Dabei wird unterschieden in Architektur, Bodenmuster und Anordnung im Raum.

Architecture/Architektur

Der Bühnenraum und die dazugehörige Einrichtung, deren Beschaffenheit, Farben, Geräusche und die verschiedenen Lichtquellen im Raum.

  • Lass die Spielenden mit allen Sinnen den Raum wahrnehmen und alles, was sich darin befindet.
  • Spiel mit Licht und Schatten im Raum.
  • Nutze einen Alltagsgegenstand im Raum anders/neu.
  • Wie geht deine Figur mit einem Gegenstand um? Welche Emotion hat sie zu diesem Gegenstand?

Topography/Bodenmuster, Raumwege

Die Muster und Raumwege, die sich auf dem Boden befinden oder in der Interaktion entwickeln.

  • Welche Aussage können eckige (immer 90°) oder runde Laufwege haben?
  • Teile die Bühne in 4 Quadrate oder 9 Punkte ein und experimentiere mit Regeln für Laufwege.

Spatial Relationship/Anordnung im Raum

Die Anordnung von Körpern und Gegenständen im Raum, mit dem Ziel eine Dynamik herzustellen sowie eine Situation und Beziehung darzustellen.

  • Welche typischen Anordnungen von Personen zueinander und welche Blickrichtungen stellen abstrakt etwas dar?
  • Wie kann ich einen Ort (z.B. Boxring, Supermarkt) erzeugen, nur mit der Anordnung im Raum?
  • Was passiert, wenn ich die Distanz maximiere oder minimiere?
  • Welchen Einfluss haben Ebenen (sitzen, stehen, liegen)? Welche Ebenen kann ich schaffen?

Viewpoints of time – Aspekte der Zeit

Tempo/Geschwindigkeit

Wie schnell bzw. wie langsam etwas auf der Bühne passiert.

  • Wie langsam oder schnell kann eine Spielerin etwas ausführen? Wann wird es unpräzise?
  • Wie wirken Wechsel von Langsam auf Schnell, wie schnell kann man wechseln?
  • Welche Unterschiede entstehen zwischen Text und Bewegungen?

Duration/Dauer

Wie lange eine Bewegung oder Sequenz von Vorgängen andauert bzw. andauern kann, ohne die Spannung zu verlieren.

  • Wie kann Dauer unabhängig von Tempo funktionieren?

Kinesthetic response / die Reaktion in einer Bewegung

Die spontane Reaktion auf externe Vorgänge, Bewegungen, Geräusche oder interne Gedanken und die Zeitspanne, innerhalb derer wir auf diese reagieren.

  • Stichwort: Meisner Technik

Repetition/Wiederholung

Die Wiederholung von Gesten, Bewegungen, Formen, Ideen, Tempi und Vorgängen auf der Bühne.

  • Was kann alles wiederholbar sein, und wie wiederhole ich etwas?
  • Wann fangen Wiederholungen an und zu langweilen oder überraschen?
  • Welche Rolle spielt Präzision bei Wiederholungen?
  • Stichwort: Double Takes

Sensorische Qualitäten

Hier gibst du deinen Spieler*innen Anweisungen, die sich auf ihre Wahrnehmung der Welt konzentrieren. Ähnlich zur absurden Metapher steht hier das Experiment im Vordergrund.

Sensorische Qualitäten

Visuell: - Spiel deinen Charakter rot, spiel deine Emotion eckiger. - Das Licht blendet dich.

Taktil: - Alles, was du anfasst, ist angenehm weich. - Der Boden ist wackelig. - Objekttheater: Ein (Alltags-)Objekt spielt mit dir oder verkörpert einen Charakter.

Geschmack: - Dein Mund brennt von Chilis. - Du hast Brainfreeze vom Eis.

Temperatur: - Wie ist die Temperatur im Spielraum? Angenehm oder unangenehm? - Es gibt einen Luftzug. Finde heraus, woher er kommt. - Du bist in einer Sauna, aber es ist angenehm warm.

Auditiv: - Du hörst Hintergrundmusik der Szene (obwohl es keine gibt). - Deine Spielpartnerin spricht zu laut (obwohl sie/er normal laut spricht).

Mix: - Spiel gegen Wind. - Spiel im Sumpf.

Tausch Übungen

Beim Tausch werden gezielt Elemente einer Szene verändert (Status, Rollen, Text, Körperlichkeit, Emotion), um neue Spielmöglichkeiten zu entdecken und Interpretationen aufzubrechen.

Spiel mit Tauschen

  • Status tauschen: Hochstatus ↔ Tiefstatus zwischen Figuren wechseln
  • Rollen tauschen: Spieler*innen übernehmen gegenseitig ihre Rollen
  • Text tauschen: Figuren sprechen den Text der jeweils anderen
  • Text + Rollen tauschen: kompletter Perspektivwechsel
  • Körperlichkeit tauschen: Gang, Haltung, Tempo der anderen Figur übernehmen
  • Emotion tauschen: gleiche Szene mit gegensätzlichen Gefühlen spielen

Charakterarbeit

In der Lehre von Schauspiel wird grob zwischen zwei Theorien unterschieden:

  • von außen nach innen bzw. Verkörperungslehre (z.B. nach Vsevolod Meyerhold), bei der eine körperliche Form beim Schauspieler und Publikum eine innere Reaktion erzeugt, die Emotion folgt also dem Körper.
  • von innen nach außen bzw. Erlebnislehre (z.B. nach Konstantin Stanislawski), bei der sich Schauspielerinnen anhand ihres persönlichen Erlebens und Erfahrungen in den Charakter hineinfühlen. Die Spielerin erinnert sich, imaginiert, erlebt – und der Körper folgt. Lee Strasberg hat daraus das Method Acting entwickelt, das in Amerika dominant wurde: affektives Gedächtnis, emotionale Wahrheit, vollständiges Aufgehen in der Rolle. Stella Adler hat sich davon abgegrenzt – nicht die eigene Erinnerung, sondern die Fantasie über die Situation der Figur sei der Schlüssel.

In der Praxis arbeiten wir oftmals irgendwo zwischen beiden Polen, individuell auch auf die Spieler*innen abgestimmt.

Der körperliche Auftrag ist ein klassisch außen-nach-innen-Werkzeug: nicht fühlen, sondern tun – und schauen, was kommt.

Charakterarbeit, wie sie hier im Folgenden vorgestellt wird, zielt stärker auf das Erfahren des Innenlebens ab.

Folgende vier Grundsätze helfen aber häufig:

  1. Nicht pre-acten (vordenken, vorwegnehmen)
  2. Stattdessen: Re-acten – auf den Partner reagieren, nicht auf die eigene Vorstellung
  3. Beharrlich bleiben: „Don’t change until changed”
  4. Fuck Polite (nach Sanford Meisner): Nicht sozial korrekt agieren, sondern lebendig und echt reagieren und dem Impuls folgen.

Motivation

Die Motivation ist der Motor der Figur: Sie bestimmt, warum eine Figur handelt, was sie will und weshalb gerade jetzt. Dabei geht es nicht nur um ein Ziel, sondern auch um emotionale Zustände, Herkunft und Entwicklung innerhalb der Szene und des Stückes.

  • Was will die Figur konkret in dieser Szene erreichen?
  • Welche Emotion treibt sie dabei an?
  • Wo kommt sie gerade her (innerlich/äußerlich)?
  • Wohin entwickelt sie sich im Verlauf?
  • Warum passiert das genau jetzt und nicht früher/später?

Note

  • Spiele die Szene mit klar formulierter Motivation, häufig analog zum Mantra (s.u.), z.B. „Ich will, dass du mir vertraust”.
  • Gib eine Emotion vor und spiele dieselbe Szene mehrfach mit unterschiedlichen Emotionen.
  • Nutze eine „Vorher/Nachher“-Impro: Spiele eine kurze Impro zur Szene davor und danach.
  • Erzähle die Handlung nur über körperliche Aktionen (ohne Text).

Mantra

Das Mantra ist die Essenz des Innenlebens der Figur in einer Szene – ein innerer Satz oder Zustand, der alles Handeln färbt und Orientierung gibt.

  • Welcher Gedanke oder welches Gefühl dominiert die Figur?
  • Was wiederholt sich innerlich immer wieder?
  • Was ist der „Kernimpuls“ hinter allem Handeln?

Mantra

  • Formuliere für jede Szene ein Mantra, z.B. „Ich darf keine Schwäche zeigen.”
  • Spiele die Szene und wiederhole das Mantra innerlich ständig.
  • Lass das Mantra laut sprechen und internalisiere es danach wieder.
  • Probiere gegensätzliche Mantras aus.
  • Lass das Mantra statt des Textes sprechen.

Subtext

Subtext beschreibt die Differenz zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was eigentlich gemeint ist – er macht Szenen lebendig und vielschichtig.

  • Was sagt die Figur und was denkt sie wirklich?
  • Warum sagt sie nicht direkt, was sie meint?
  • Welche Beziehung oder welches Risiko steckt dahinter?

Subtext

  • Spiele die Szene mit offen ausgesprochenem Subtext.
  • Probiere einen Dialog mit gegensätzlichem Subtext aus.
  • Spiele nur den Subtext (sprich den Text neutral).
  • Spiele eine „Gedanken laut sprechen“-Version der Szene.

Biografie

Die Biografie gibt der Figur Tiefe, indem sie Vergangenheit, Prägungen und Erfahrungen sichtbar macht, die das Verhalten im Hier und Jetzt beeinflussen.

  • Welche prägenden Erlebnisse hat die Figur gehabt?
  • Welche Beziehungen waren wichtig?
  • Welche Ängste, Wünsche und Werte hat sie entwickelt?

Note

  • Erstelle einen Biografie-Steckbrief.
  • Schreibe einen Tagebucheintrag aus Sicht der Figur.
  • Verfasse einen Brief an eine andere Figur.
  • Nutze „Hot Seat“: Die Figur wird interviewt und antwortet spontan.

Tier

Die Tierarbeit nutzt körperliche und energetische Analogien, um Zugang zu Spielweise, Rhythmus und Präsenz einer Figur zu finden.

  • Welches Tier passt zur Figur - und warum?
  • Wie bewegt sich dieses Tier?
  • Welche Energie, Tempo oder Haltung übertrage ich?

Note

  • Erforsche das Tier körperlich (Gang, Blick, Atmung).
  • Improvisiere als Tier.
  • Transformiere das Tier schrittweise zur Figur.
  • Reduziere Tiermerkmale gezielt, behalte aber den Kern.

Soziogramm

Das Soziogramm macht Beziehungen und Statusverhältnisse zwischen Figuren sichtbar und hilft, Dynamiken zwischen Figuren bewusst zu gestalten.

  • Wie steht meine Figur zu den anderen?
  • Wer hat Macht/Status - wer nicht?
  • Wo gibt es Konflikte, Nähe oder Abhängigkeit?

Soziogram

  • Stelle die Figuren räumlich im Raum auf (Nähe/Distanz).
  • Nutze Statusübungen (hoch/tief spielen).
  • Stelle Beziehungen mit Standbildern dar.
  • Spiele Szenen mit veränderten Statusverhältnissen.

Deleted Scenes

„Deleted Scenes“ erweitern das Stück durch improvisierte Szenen außerhalb des Textes und ermöglichen ein tieferes Verständnis von Beziehungen und Entwicklung.

  • Was ist vor oder nach der Szene passiert?
  • Welche unausgesprochenen Konflikte gibt es?
  • Welche gemeinsamen Erinnerungen teilen die Figuren?

Note

  • Improvisiere Vorgeschichte oder Zukunft.
  • Spiele „geheime“ Begegnungen zwischen Figuren.
  • Kläre offene Konflikte außerhalb der Originalszene.
  • Probiere alternative Wendepunkte aus.
  • Spiele ein gemeinsames Mittagessen in Character.

Musik als Stilmittel

Musik ist ein mächtiges Regie-Werkzeug: Sie kann Emotionen verstärken, brechen oder komplett neu rahmen.

  • Passende Musik: unterstützt, verdoppelt die Emotion
  • Unpassende Musik: erzeugt Reibung, Ironie, Verfremdung

Musik

  • Spiele dieselbe Szene mit 2–3 völlig unterschiedlichen Musikstilen (z. B. episch, romantisch, absurd).
  • Szene einmal mit Musik, einmal komplett in Stille spielen → Unterschiede beobachten.
  • Innere vs. äußere Musik:
  • Variante A: Figur „hört“ die Musik (reagiert darauf)
  • Variante B: Musik existiert nur für das Publikum
  • Banale Tätigkeit (z. B. aufräumen, anziehen) mit dramatischer Musik überhöhen.
  • Bruch erzeugen: Emotionalen Höhepunkt mit unpassender Musik unterlegen.
  • Timing: Bewegungen oder Text an Beats oder musikalische Wechsel koppeln.

Zusammenfassung

Zum Abschluss vier kurze Gedanken:

  1. Weniger ist mehr – Szenen scheitern selten am Text, sondern daran, dass zu viel gespielt oder gesprochen wird.
  2. Einfach machen – erst ausprobieren, dann nachdenken, ohne sich selbst ständig zu bremsen.
  3. Im Moment bleiben – nicht alles zerdenken, sondern aus dem Spiel heraus entstehen lassen.
  4. Offen sein – Erwartungen loslassen und auch Ungewöhnliches als Möglichkeit begreifen.

Bibliography

Anne Bogart, Tina Landau, and Martin Carnevali. Viewpoints Ein praktisches Handbuch für Schauspieler, Regisseure und choreographen Anne Bogart und Tina Landau ; Aus dem Amerikanischen übertragen von Martin Carnevali. Alexander Verlag, 2025.